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Warum konnte der Stromausfall solch gigantische Ausmaße annehmen?
Ronda Hauben / 19.08.2003


Auf staatlicher, regionaler wie nationaler Ebene sind Nachforschungen im Gange, die den Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren suchen , um herauszufinden, wo sie ihren Anfang nahmen. Die wichtigere Frage ist jedoch, warum und wie der Stromausfall sich so massiv verbreiten konnte. Eigentlich sollte das Überlandnetz so konstruiert sein, dass es verhindert, dass sich ein Fehler darin derart ausbreiten kann.

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Wenn wir das System so entworfen haben, dass so etwas nicht passiert, warum ist es dann passiert?
(
Michehl R. Gent vom Nordamerikanischen Rat für Elektrische Funktionssicherheit (NERC))

Der Nordamerikanische Rat für Elektrische Funktionssicherheit wurde nach dem Stromausfall von 1965 ins Leben gerufen. Seine erklärte Mission war es, zu verhindern, dass so etwas Ähnliches jemals wieder passiert. Dennoch kam es 1977 und 2003 zu der artigen Stromausfällen. NERC ist eine private, sich selbst regulierende Non-Profit-Organisation. Kann eine private Organisation mit der Regulierung einer Industrie betraut werden? Kann freiwilliges Befolgen von Regeln und Standards so verlässlich sein, dass es verantwortlich für die Stromversorgung einer ganzen Nation sein kann?

Ein Bericht über die Ereignisse am letzten Donnerstag beschreibt, wie Roger Harszy vom Midwest Independent System Operator, in Carmel, Indiana, am Donnerstag, den 14.August einen Computerbildschirm betrachtet. Ihm war gerade klar geworden, dass 1000 Megawatt Strom auf Abwegen über den Erie-See wogten. Er beobachtete das "oszillierende Phänomen" an vier Übertragungspunkten von seinem Kontrollraum bei Midwest ISO aus, mit dem e r die Bewegungen von Elektrizität in einer 15-Staaten Region des Mittleren Westens im Blick hat. Gent beschreibt, dass "300 bis 500 Megawatt ... sich von West nach Ost bewegten, von Michigan durch Ontario nach New York, als das Problem zuschlug - entweder das Versagen einiger Kraftwerke oder einiger Übertragungsleitungen". Er bemerkte eine plötzliche Änderung im Fluss des elektrischen Stroms und dass er seine Richtung geändert hatte, indem er "500 Megawatt von Osten nach Westen schob, aus New York hinaus - ein Schwung von ganzen 1000 Megawatt innerhalb von wenigen Sekunden."
Warum das Übertragungssystem diesem Gau aufsaß, könne sich Gent nicht erklären.

Auf die Frage an NERC, ob dieser plötzliche Richtungswechsel des elektrischen Stroms auf kleinerem Level eventuell ein normales Vorkommnis sei, antwortete David W. Hilt von NERC in ei ner Email vom 16. August 2003:

Strom bewegt sich im Netz auf einer Moment-zu-Moment-Basis. Diese beruht auf Übertragungsleitungen und Generatoren. Veränderungen in einer bestimmten Leitung oder in einem bestimmten Interface sind auf einem kleinerem Level relativ normal (...)

Aber ein Richtungswechsel von einer derartigen Menge von elektrischem Strom ist nicht normal, wie konnte er also am 14. August passieren?

Der Zusammenbruch des Überlandnetzes ist ein Geheimnis, das man ergründen muss, um zukünftige Katastrophen verhindern zu können. Doch bei dem Versuch, das Problem einzukreisen, treten Hindernisse auf. Eines dieser Hindernisse liegt laut Gent in der Energieversorgungspolitik der USA. Im Rahmen der Deregulierung sind die Kraftwerke im Besitz von privaten Unternehmen, in deren Interesse es nicht liegt, großzü gige Informationspolitik zu betreiben, da sie um ihren Wettbewerbsvorteil fürchten.

Jennifer Granholm, Gouverneurin von Michigan beschreibt, wie die Deregulierung in den 90er Jahren die Struktur des Systems veränderte. Als Michigan begann, seinen Elektrizitätsmarkt zu deregulieren, wurde die versorgungswirtschaftliche Einrichtung von Michigan, Detroit Edison, zu DTE und verkaufte ihre Leitungen. Das Übertragungssystem war seit 20 Jahren nicht modernisiert worden.

Die Menschen, denen das Übertragungssystem gehört, leben außerhalb des Staates und sind deshalb nicht notwendigerweise verantwortlich. Wer ist der Eigentümer der Leitungen? Wer ist der Eigentümer der Generatoren? Wem gehört die Verteilung? Das sind alles Probleme, die wir genauer anschauen müssen.

Quelle

Während einige Berichte über den Stromausfall nach den technischen Ursachen fragen, konzentrieren sich andere auf den politischen Aspekt der Energieversorgung in den Vereinigten Staaten. Gent meint, dass das Überlandnetz heute in einer Art und Weise genutzt wird, für die es nicht konzipiert wurde."

Das Überlandnetz wurde als Teil einer Stromversorgungseinrichtung konzipiert, die in den 30er Jahren entstand, als der amerikanische Kongress mit einem Gesetz (Public Utility Holding Company Act) große zwischenstaatliche Holding-Gesellschaften aufbrach. Dieses Gesetz ermöglichte den Regierungen der Staaten monopolistischen Operationen von Stromgesellschaften in begrenztem Umfang zuzustimmen. Als Gegenleistung für ihre regulierte Monopolstellung verpflichteten sich die Gesellschaften dazu, ihre Kunden zu festgelegten Gebühren verlässlich mit Strom zu verso rgen.

Die Deregulierungsgesetze in den 80er und 90er Jahren forderten aber, dass die Stromversorgungseinrichtungen die Leitungen für Mitbewerber freigeben. Damit werden die Stromleitungen nicht nur von anderen genutzt als von denen, die sie früher aufgestellt und als Teil einer vom Staat regulierten Versorgungseinheit unterhalten haben, sie sind damit auch Teil eines Systems geworden, in dem Energie gekauft und verkauft wird. Die Leitungen sind nicht einfach dazu da, Elektrizität möglichst billig und verlässlich zu transportieren; stattdessen sollen sie dem Marktmechanismus gemäß
Strom in unterschiedliche Richtungen zu unterschiedlichen Kunden zu unterschiedlichen Zeitpunkten und unterschiedlichen Gebühren aufgrund unterschiedlicher Ansprüche zu schicken.

(New York Times, 17. August 2003)

Wird der Stromausfall als politische Ausrede benutzt werden, damit privat e Gesellschaften mit föderalen Zuschüssen versorgt werden, um ihren Besitzstand und die Kontrolle über das US-Energieversorgungssystem zu vergrößern - ähnlich dem korrupten Enron-Modell? Oder wird es eine öffentliche Debatte darüber geben, wie man das Energieversorgungssystem in einen verlässlichen öffentlichen Dienst umwandeln könnte?

Das gegenwärtige amerikanische korporative Modell der privaten Kontrolle aller öffentlichen Dienste ist durch den Stromausfall fragwürdig geworden. Die Bevölkerung in aller Welt und ihre Regierungen können jetzt die Folgen sehen, welche die Übernahme des amerikanischen Deregulierungsmodells für das Management von öffentlichen Diensten zeitigen können. Der Gouverneur von Michigan, Granholm, sagte: "die Versorgungsindustrie muss starker reguliert werden, um Verlässlichkeit zu garantieren. Als Folge der Deregulierung wurde Michigan von Versorgungsunternehmen abh ängig, die über mehrere Staaten verteilt sind, was es schwieriger macht, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen." Das Problem sei, dass die Verlässlichkeitsstandards freiwillig sind: "Und das reicht nicht."




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